alt-tag
Douai, Collégiale Saint-Pierre
Dieses großartige Instrument der Firma Mutin-Cvaillé-Coll war ursprünglich um 1910 für den großen Konzertsaal des St.Petersburger Konservatoriums bestellt worden. Nach seiner Fertigstellung 1914 verhinderten jedoch der Ausbruch des 1.Weltkriegs sowie die anschließende russische Oktoberrevolution 1917 die Aufstellung an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort.

Die Kollegiatskirche Saint-Pierre wurde 1750 vollendet. Ihre erstaunlichen kathedralesk anmutenden Dimensionen liegen in ihrer Bestimmung begründet: sie hatte das Parlament von Flandern sowie sämtliche Besucher der ansässigen Kanonikerschule aufzunehmen und ist damit der größte Sakralbau der Diözese von Cambrai. Ihrer Architektur mangelt es nicht an Eleganz und der Reichtum ihrer Ausstattung sowie ihrer Gemälde aus dem 18, Jahrhundert machen sie zu einem wertvollen Zeugen der klassischen Epoche.

1792 gelang es dem Kirchenrat, die große Orgel der Abteikirche von Anchin zu erwerben, ein wundervolles Instrument mit ungefähr 60 Registern auf vier Manualen, zwei davon mit 5 Okta- ven (F - F), in einem ebenso imposanten wie eleganten Eichengehäuse, einem Werk des Schreiners Antoine Gilis aus Valenciennes nach eigens von den Mönchen angefertigten Plänen.

In den Jahren bis 1850 etwa wurde dieses Instrument durch den Orgelbauer François-Joseph Carlier aus Douai gewartet und war sogar noch bis zum Oktober 1918 weitgehend in seinem Zustand aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Dann wurde es jedoch bedauerlicherweise zum Opfer einer von der deutschen Besatzungsarmée vor ihrem Abzug organisierten systematischen Ausschlachtung.

Im Jahre 1920 kam es auf Initiative von Kammergerichtspräsident Maurice Wagon, Stiftsherr J.-B. Hego, Presbyter von Saint-Pierre und Francis Godin, dem Bürgermeister von Douai, zu Gesprächen mit der Firma Mutin-Cavaillé-Coll in Paris über den Ankauf einer viermanualigen 68- registrigen Orgel und deren Einbau in das alte Gehäuse. Dieses Instrument war um 1910 für den großen Konzertsaal des St.Petersburger Konservatoriums bestellt worden. Nach seiner Fertigstellung 1914 verhinderten jedoch der Ausbruch des 1.Weltkriegs sowie die anschließende russische Oktoberrevolution 1917 die Aufstellung an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort. So überdauerte die Orgel die Kriegswirren im Montagesaal der Firma Cavaillé-Coll (André Fleury, der damals 16 Jahre alt war, erinnerte sich daran, das Instrument damals von Charles Mutin höchst persönlich gespielt gehört zu haben). Das Einweihungskonzert des in Saint-Pierre aufgestellten Instruments spielte am Sonntag dem 12. November 1922 kein geringerer als Louis Vierne, der bereits 20 Jahre zuvor ein Konzert in der Kirche Saint-Jacques für die Einweihung des Orgelgehäuses gespielt hatte.

Von nun an war die Orgel regelmäßig unter den Händen ihres Titularorganisten Alexandre Delval zu hören, der dieses Amt von 1904 bis 1951 bekleidete. Außerhalb der Gottesdienste erklang sie auch bei Konzerten und bei den ersten Rundfunkübertragungen. Der zweite Weltkrieg setzt diesen Aktivitäten ein Ende: die Orgel litt indirekt unter den Folgen der Bombardierungen, die etwa 50 % der Stadt zerstörten.

In den 50er Jahren ergriff die Stadt eine Initiative zur Restaurierung der Orgel. Den Auftrag hierzu erhielt die Firma Pascal aus Lille, welche die Arbeiten von 1954 bis 1957 unter respektvoller Beibehaltung des romantischen Grundcharakters durchführte. Man ging sogar so weit, daß man für das ursprünglich elektrisch angesteuerte 4.Manual eine neue Mechanik samt Barkerhebel baute, um die Traktur des gesamten Werkes zu vereinheitlichen. Das restaurierte Instrument wurde von Marcel Dupré, dem Titularorganisten von Saint-Sulpice in Paris eingeweiht, unter Mitwirkung der “Manécanterie des Petits-Chanteurs de Saint- Jean” unter der Leitung des Abbé Félix.

Renovierungsarbeiten in der Kirche während der Jahre 1964-65, die Erneuerung der Fenster nahe der Orgelempore 1971, der Brand eines Sportartikelladens 1975 in unmittelbarer Nähe sowie ein Fall von Vandalismus durch drei Jugend- liche 1977 zogen die Orgel in Mitleidenschaft. 1983 beschloß die Stadt daher, eine erneute große Renovierung in Gang zu setzen. Diese erfolgte in mehreren Teilabschnitten und unter fachlicher Beratung durch die Association A. Cavaillé-Coll in Paris. Wiederum lag die Verantwortlichkeit in den Händen von Jean Pascal. 1986 wurde die Restaurieung des Récit und Positif expressif abgeschlossen, zur größten Zufriedenheit ihres Titularorganisten Jean-Philippe Mesnier und der Schüler des Konservatoriums, für die diese bedeutende Orgel das bevorzugte Unterrichtsinstrument ist. Dank eines von 1998 bis 1999 erstellten umfangreichen Gutachtens konnte die Orgel 2002 unter Denkmalschutz gestellt werden. Auf Bitten des Bürgermeisters Jacques Vernier nahm Roland Galtier als Orgelsachverständiger für historische Instrumente schließlich eine technische Inventarisierung der Orgel vor.

Seit seiner ersten Restaurierung bereichert diese Orgel das kulturelle Leben. Musiker, Musikwissenschaftler und Orgelbauer aus zahlreichen Ländern kommen Jahr für Jahr nach Douai und loben ihren sich in dem geräumigen Langhaus frei entfaltenden majestätisch-rassigen Klang sowie die Subtilität ihrer Ausdrucksmöglichkeiten.