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André Fleury
1902 - 1995

André Fleury nimmt heute eine einzigartige Stellung in der französischen Orgelgeschichte ein. Er stammte aus einer Musikerfamilie - sein Vater war Chorleiter - und hatte nacheinander, manchmal auch gleichzeitig, den Unterricht von Eugène Gigout (den er schon 17jährig in Saint-Augustin vertrat), von Marcel Dupré (in dessen Orgelklasse er den Ersten Preis in Orgel und Improvisation am Conservatoire National erhielt) und von Louis Vierne genossen. Wer kann das schon von sich behaupten? Wer hatte das Glück, 50 verschiedene und oft gegensätzliche Musikrichtungen, Techniken und ästhetische Strömungen innerhalb eines Jahrzehnts in sich vereinen zu können? Daraus erklärt sich der Reichtum des Musikers, der es verstand, verschiedene Vorgehensweisen und sich widersprechende Auffassungen von der Orgelkunst anzuneh- men, um sich darauf aufbauend seine eigene Botschaft zu bilden. Zudem wollte es das Schicksal, daß sich seine Wege mit denen von Charles Tournemire kreuzten und daß er sich, wie viele seiner Kollegen, der Gregorianik widmete. Dabei folgte er dem Vorbild des Maître, der die Gläubigen von Ste.Clotilde gelegentlich mit einer großen Rhapsodie erfreute. Damit habe ich nun die Hauptströmungen aufgeführt, welche die Gedanken eines herzensguten Mannes geprägt haben. Welche Zeit haben wir da miterlebt! Erinnern wir uns doch an all die jungen Organisten, die sich als erste in den Dienst der Orgelfreunde gestellt haben, welche die ersten Preisträger von Interpretations- und Improvisations- sowie Kompositionsauszeichnungen waren, die von dieser Gesellschaft ins Leben gerufen wurden.

Zunächst war André Fleury Stellvertreter von Charles Tournemire an Ste.Clotilde, wurde nach dem Tod von Jean Huré zum Titularorganisten an St.Augustin und zum Professor an der Ecole Normale de Musique in Paris ernannt. Sein Lebensweg führte ihn dann nach Dijon, wo er die Nachfolge des berühmten Organisten Emile Poillot an der Kathedrale Saint-Bénigne antrat und ihm auch die Orgel- und Klavierklassen des Conservatoire übertragen wurden (1949 bis 1971). Bei seiner Rückkehr verdoppelten sich seine Aktivitâten, da er zum Co-Titulaire in St.Eustache und gleichzeitig zum Organisten an der Kathedrale in Versailles ernannt wurde. Zudem vertraute man ihm eine Orgelklasse an der Schola Cantorum an.

André Fleury hat sehr schnell begriffen, daß zu dem Zeitpunkt, als er seine Karriere begann, zwei Richtungen die Orgelwelt in Paris prägten: eine symphonische Richtung, mit der nach C. Franck, Ch.-M. Widor, A. Guilmant Namen wie L. Vierne, M. Dupré, A. Barié, E. Bourdon verbunden sind, und eine liturgische Richtung, welche die Gregorianik kunstvoll verarbeitete und die entscheidend von Ch. Tournemire geprägt wurde, dem zahlreiche Schüler wie H. Nibelle, M. Duruflé, E. Bonnal, J. Langlais, M. Boulnois, D. Lesur folgten. Gleichzeitig entstand eine dritte Richtung, die ich paraliturgisch nennen möchte und der sich zeitweise verschiedene Organisten verschrieben: nach M. Dupré folgten J. Alain, J.J. Grunenwald, O. Messiaen.

Die romantische Orgel mit orchestraler Färbung wurde von denen begünstigt, deren Streben es war, der Symphonie zu huldigen. Der Barock- oder Neobarockorgel widmeten sich diejenigen Organisten, die ihre Tonsprache unter Verwendung von Aliquotregistern, welche die Orgelbauer ihnen wieder zur Verfügung stellten, bereicherten.

In diesem vielschichtigen Umfeld - Instrument, Orgelmusik, Ästhetik - nimmt André Fleury eine zentrale Stellung, eine Schlüsselrolle ein.

Norbert Dufourq