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Usurbil
Im Jahre 1905 bestellte Albert de 'Espée, Besitzer des legendären Schlosses Ilbarritz, bei Charles Mutin eine neue Orgel für sein Anwesen.

Dieses Instrument wurde 1907 geliefert und besaß 63 Register auf 3 Manualen und Pedal. Es wies zahlreiche Besonderheiten auf: zusätzlich zu den normalen Orgelregistern besaß es drei Celestas, ein Cembalo und einen Konzertflügel. Alle diese Instrumente konnten vom 1. Manual aus gespielt werden, wobei die Möglichkeit gegeben war, alle gezogenen normalen Orgelregister schnell abzuschalten, wenn der Baron eines dieser Zusatzregister solo zu spielen gedachte. Außerdem ließen sich von einem kleinen, lediglich 26 Tasten umfassenden Hilfsmanual aus 26 Effektinstrumente steuern: Zimbeln, Pauken, Becken, Triangeln, Gongs, Castagnetten, die allesamt mit einem Mechanismus versehen waren, der es erlaubte, Sie bei Kadenzen zum Einsatz zu bringen. Zusätzlich zu den üblichen Spielhilfen besaß die Orgel fünf freie mechanische Kombinationen für alle Register. Was die echten Orgelregister betraf, so äußerte der Baron vor allem den Wunsch, so perfekt wie möglich das Horn des Siegfried imitieren zu können. Außerdem finden wir Register wie Englischhorn, Musette, Geigen und Streicherregister aller Lagen, um den Klang eines Streichquartetts nachempfinden zu können.

1911 verkaufte der Baron sein Anwesen von Ilbarritz. Pierre-Barthelémy Gheusi, ein Autor diverser Theaterstücke und Direktor der Opéra Comique, hatte dem Baron im Dezember 1911 das Schloß von Ilbarritz abgekauft. Ab April 1912 öffnete er das legendäre Anwesen für die Öffentlichkeit und veranstaltete im Orgelsaal eine Konzertreihe. Die bedeutendsten Musiker und Organisten jener Epoche gaben sich auf Schloß Ilbarritz die Klinke in die Hand und ließen sich von Gheusi durch das Anwesen führen. Sie schätzten die Besonderheiten des Instrumentes ebenso wie die exzellente Akustik des Musiksaales. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs durchkreuzt die Pläne Pierre-Barthelémy Gheusis. Das Schloß wird zum Militärhospitalfür die verwundeten Frontsoldaten umfunktioniert. Allmählich verkommt es.

1920 faßt Gheusi den Entschluß, sich von der Orgel zu trennen, die Spuren der Verwahrlosung zu zeigen beginnt. Es ist ein gewisser Doktor Bastide, ein in Biarritz lebender Musikliebhaber, der die Orgel erwirbt. Er behielt lediglich 14 Register für sich.

Ferner behält Doktor Bastide die Windlade des Récit expressif samt Schwellkasten, Tastatur, Trémolo und Magazinbalg für sich. Abgesehen von diesen Bestandteilen wird der gesamte Rest der Orgel, darunter auch das Gehäuse, für 27000 Pesetas nach Usurbil verkauft: das Hauptwerk mit Windladen, Barkermaschine und Traktur, das Positiv, ebenfalls samt Windladen, Barkermaschine und Traktur sowie Schwellkasten, der komplette Spieltisch mit den ihn in Ilbarritz umgebenden Holzschnitzereien, die Motoren und die Balganlage. Usurbil erhält ebenfalls die Windlade der horizontalen Zungenregister, die 1916 bereits entfernt, aber im Schloß aufgehoben worden war. Den Abbau der Orgel in Ilbarritz und ihren Aufbau in Usurbil betreute der Orgelbauer Fernand Prince. Der Anblick der Orgel wie er sich dem Betrachter heutzutage auf der Empore der Kirche San Salvador in Usurbil bietet, ist nahezu identisch mit demjenigen auf Schloß Ilbarritz. Lediglich der Spieltisch wurde umgedreht und die Lücke des fehlenden Manuals durch eine Holzverkleidung abgedeckt. Die 1983 restaurierte Orgel erlaubt auch heute noch – trotz zahlreicher Amputationen - sich eine Vorstellung von den „Soirées musicales“ zu machen, die sich der Einzelgänger über dem baskischen Ozean gönnte.

Mit den erworbenen Orgelteilen errichtete Doktor Bastide in einem Saal seiner Villa in Biarritz eine kleine interessante Konzertorgel. 1956 beschloß die Familie Bastide, sich von der Orgel zu trennen und verkaufte das Instrument an die Benediktinerinnen des Klosters Sainte-Scholastique in Urt, nahe Bayonne. Nach Auflösung des Klosters wurden einzelne Register und Pfeifen nach Pau verkauft, wo sie beim Bau einer kleinen Chororgel Verwendung gefunden haben sollen.