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Trier, Konstantinbasilika

Die monumentalen Dimensionen der majestätischen Konstantinbasilika fordern zum Denken in adäquat großen Dimensionen heraus — klanglich, technisch und visuell. Der Dresdner Architekt Dr. Klaus-Jürgen Schöler entwarf die Grundidee: Drei selbstständige, annähernd gleich große Orgeltürme (außen 2,9 x 4,9 x 10,4 m), die in die drei Fensternischen unterhalb der Glasflächen gestellt wurden, mit nur je einer Ebene monumentaler Pfeifen aus den Principalen 32' und 16'. Die Aufgliederung in drei Türme ließ die Struktur der Südwand weiter im Raum wirken. Prof. Carlo Weber aus Stuttgart (Auer & Weber) entwarf die umlaufende Plattform mit Wendeltreppe aus geschwärztem Stahl, die endgültige Gestalt der Orgeltürme aus Eiche und ihre Farbigkeit in Anthrazit mit mattierten Prospektpfeifen.
Eine besondere, gewagte Lösung war die Aufhängung der Orgel ohne Seile oder Stützen: Im Inneren versteifen stählerne Körbe wie ein Korsett die Turmkonstruktionen, diese stehen auf den Bänken der Fensternischen und sind oben in der Südwand (aus dem 19. Jh.) verankert, die die rund 50 Tonnen trägt. Den gut achtjährigen Planungs- und Bauprozess leitete der Bauherr, das Land Rheinland-Pfalz (LBB Trier, insbesondere Frau Brigitte Coen). Für die Realisierung wählte eine internationale Orgelkommission 2008 die Bautzener Werkstatt Hermann Eule Orgelbau (gegr. 1872) aus, die vor allem in den letzten Jahrzehnten mit etlichen bedeutenden Orgelprojekten auf sich aufmerksam gemacht hat (Leipzig, Bodø/ Norwegen, Vaduz /Liechtenstein, Mozarteum Salzburg, Prag, St. Petersburg, Borgentreich u.a.) und mit ihren 45 Mitarbeitern beste Voraussetzungen für eine künstlerisch hochwertige Orgel und Intonation einbrachte. Am 1. Advent 2014 konnte die Orgel eingeweiht werden.
Die sechs Klangwerke des Instruments sind auf die Gehäuse verteilt: Im Mittelturm in der Mitte das Hauptwerk, darüber das Schwellwerk (II. Manual); im linken Turm oben das Récit (III. Manual); im rechten Turm oben das Orchestral (IV. Manual) und das Solowerk (ohne Manual, sondern an alle Klaviaturen frei koppelbar); das Pedal ist C-Cis-geteilt in den äußeren Türmen, unten das Großpedal, in der mittleren Ebene das Kleinpedal. Die drei Manualwerke im oberen Bereich eines jeden Turmes stehen in massiven hölzernen Schwellkästen. Diese Aufstellung ermöglicht allen Teilwerken eine großflächige, direkte, ungehinderte Klangabstrahlung in den Raum. Die eigentlichen Orgelwerke sind völlig selbsttragend auf den Böden im Inneren der drei Türme aufgebaut. Das innere Orgeltragwerk besteht aus Nadelholz. Die Verbindungen zwischen den drei Türmen für Trakturen und Elektrik sind im Profil der Umgangsempore eingelegt. Jeder Orgelturm hat sein eigenes Gebläse, ein viertes versorgt die Hochdruckregister. Vier Vor-, acht Haupt- und zwei Nebenbälge versorgen die Orgel mit Wind, der von Werk zu Werk abgestuft ist, innerhalb des Solowerks sogar zweifach. Die Windladen sind als Schleifladen gebaut. Haupt- und Schwellwerk spielen rein mechanisch, die Teilwerke in den seitlichen Türmen mechanisch mit Barkermaschinen, nur das Solowerk, die Celesta, die Chimes und einige Einzeltonladen werden elektrisch angespielt. Die Registertraktur ist elektrisch.
Die Orgel besitzt zwei Spieltische: Der Hauptspieltisch im Mittelturm hat mechanische Spieltrakturen, der Zweitspieltisch, der im Kirchenschiff in Orgel- und in Altarnähe platziert werden kann, spielt rein elektrisch. Die gediegene Gestaltung wurde bewusst identisch gewählt, mit gut handhabbaren Registerwippen und dem Orgel-Elektronik-System Eule. Von den 6.006 Pfeifen sind nur 58 im Prospekt sichtbar. Die meisten Pfeifen sind aus hochwertigen Zinn-Blei-Legierungen, 398 meist größere sind aus Holz, aber auch 204 Pfeifen aus Zink - es unterstützt die klangliche Ausprägung romantischer Streicherklänge. Ein Register, die Celesta, hat 61 Klangstahlplatten, die Chimes umfassen 25 Röhrenglocken.
Die klangliche Vision ist eine symphonische, quasi orchestrale Orgel mit einer außergewöhnlichen Vielfalt und Reichhaltigkeit an Klangfarben und einer großen, mehrfach potenzierbaren dynamischen Weite, die die Leidenschaft, Gefühlswelt, das Aufbrausen und Vergehen der Romantik zum Klingen bringt. Ausgangspunkt war die Akustik des mit rund 60.000 m³ gewaltigen Raumes, die trotz des bis zu sieben Sekunden langen Nachhalls immer klar, plastisch und unaufdringlich bleibt. Den klanglichen Charakter und die Persönlichkeit der Eule-Orgel hat maßgeblich Chefintonateur Gregor Hieke mit seinem sensiblen Feingefühl für die Klangwelt der Romantik zusammen mit seinem Intonationsteam meis- terhaft ausgestaltet - nicht als historisierende Kopie, sondern als Eule-Orgel unserer Zeit. Der klangliche Kern wurde aus der großartigen mitteldeutschen Orgel der Romantik entwickelt, ganz besonders von Friedrich Ladegast mit seinem Spannbogen vom Spätbarock der Bach-Zeit zur Hochromantik. Sie inspirierte die Plenoklänge des Hauptwerks und des Schwell- bzw. Oberwerks, die tragenden profunden Bässe im Pedal und die nuancenreiche Differenzierung der Flöten, Streicher und Solozungenregister. Das Récit ist vom französischen Orgelbau etwa eines Aristide Cavaillé-Coll inspiriert — die reiche klangliche Besetzung mit singenden Flöten, brillanten Zungenregistern und der großen Dynamik sind eines der stilprägenden Merkmale. Das IV. Manual Orchestral & Solo vereint charaktervolle Besonderheiten des englischen und amerikanischen Orgelbaus, die dieser ganz am Ende der spätromantischen Musikentwicklung in den 1920er Jahren zu orchestraler Dynamik und Farbigkeit vollendete: Den großartigen Streicherchor, noble Orchesterinstrumentenimitationen und die sonoren Hochdruck-Solostimmen wie die jubelnde Konstantinflöte, die majestätische Tuba imperialis und der Principalis romanus mit belederten Oberlabien, deren Namen eine Reminiszenz an den einstigen römischen Palastbau sind. 15 Koppeln ermöglichen die Kombination dieser Klangwerke bis zur Vereinigung im Tutti aller Register, 17 Oktavkoppeln ermöglichen chorische Klangfarbenteppiche. Mehr als 2/3 aller Manualregister stehen in den drei Schwellkästen - ihr synchrones Öffnen und Schließen mittels einer Schwelltrittkoppel allein erzeugt eine imposante klangliche Steigerung, die durch die Möglichkeiten des Aufregistrierens (z.B. mit der Walze) und Koppelns eine fast unendliche Klangvielfalt erreichen – vom gerade noch hörbaren ppp bis zum fortissimo, das niemals brüllend, sondern grandios und majestätisch ist.

Jiri Kocourek, Hermann Eule Orgelbau